Collage: Zugetragenes

In den vergangenen Tagen haben wir auf ziemlich verlorenem Posten gekämpft. Das Corona-Abstandsgebot ist in einer Gemeinschaftsunterbringung mit beispielsweise 8-Bett-Zimmern in der Erstaufnahme (EAE) nicht umzusetzen.

Wir wurden als unglaubwürdig dargestellt. Unsere Kritikpunkte wurden zurückgewiesen; Verbesserungsvorschläge gar nicht erst angenommen. Erst seit wir an die Öffentlichkeit gegangen sind und mit einer Anzeige gedroht haben, tut sich etwas.

In den vergangenen Tagen haben wir unter anderem auch die Anordnung des Gesundheitsamtes Schwerin an Geflüchtete erhalten, die sich in Quarantäne begeben sollen (in anhängender Collage anonymisiert). Wir haben diese Anordnung auch erklären müssen. Sie geht – anders als vom Betreiber ausgesagt – nicht in der Muttersprache zu. Uns liegen Fotos auch vom Umschlag vor. Die Anordnung hätte mit Übersetzung 14 Seiten; das geht nicht in einen normalen DIN-A-6-lang-Umschlag (Standardbrief).

Dabei gibt es Anlagen, die auszufüllen sind: Tagebuchführung, Tabellen, Fragebogen. Das wird natürlich überhaupt nicht verstanden. Jeder möge sich vorstellen, er solle eine arabische Tabelle ausfüllen.

Aus dem Text der Anordnung:

„In ihrem Haushalt sollen Sie nach Möglichkeit eine zeitliche und räumliche Trennung von den anderen Haushaltsmitgliedern einhalten. Eine zeitliche Trennung kann z.B. dadurch erfolgen, dass die Mahlzeiten nicht gemeinsam, sondern nacheinander eingenommen werden. Eine räumliche Trennung kann z.B. dadurch erfolgen, dass Sie sich in einem anderen Raum als die anderen Haushaltsmitglieder aufhalten.“

Dieser standardisierte Absatz ist ein Hohn für Menschen, denen ein Bett in einem Raum zugewiesen wird. Zynisch könnte man sagen, dass es gut ist, dass diese Anordnung nur auf Deutsch an die Asylsuchenden geht. Sie würden sonst die Aussichtslosigkeit ihrer Lage für mindestens die nächsten 14 Tage begreifen.

Tête à tête mit dem Virus – Betten stehen Kopf an Kopf:

Hier erhielten wir zur Antwort: Das rücken sich die Flüchtlinge selbst so zurecht.

Nein, es ist anders: Hier wird nicht aufgeklärt.

Im Gegenteil: In der Anordnung steht „Sollten Sie Symptome entwickeln, kontaktieren Sie ihren medizinischen Dienst“. Der aber ist nicht im selben Haus. Meldungen beim Personal sind aber auch nicht möglich. Heute haben wir erfahren, dass Geflüchtete, die über Symptome klagen, „weggejagt“ werden, weil sich das überforderte Personal „sauber“ halten wolle. Das haben wir übrigens nicht von den Asylsuchenden zugesteckt bekommen. Es gibt noch Mitarbeitende mit Gewissen.

Die Öffentlichkeitsarbeit der letzten Tage hat immerhin Folgendes gebracht:

  • Die Toiletten in Haus 131 wurden endlich mal geputzt (es gibt 7 Häuser)
  • Es gibt in allen Häusern Desinfektionsmittel für das Personal (aber nur im Erdgeschoss und nicht für die Flüchtlinge)
  • Es gibt jetzt angeblich eine arabische Übersetzung der Anordnung (welche wir aber noch nicht gesehen haben)

 

Unfreundlichkeiten am Rande:

Nicht nur blöde Kommentare auf Facebook, in PN an die Autorin persönlich, rassistische Anwürfe auch an unser gesamtes Team sind gerade an der Tagesordnung. Als seien die Geflüchteten schuld an der Lage in Deutschland, in der Welt und an der ganz persönlichen Kontaktsperre.

Ich hatte gestern Vormittag (übrigens bevor ich nachmittags zum NDR gefahren bin) nach einem Telefonat mit dem Gesundheitsamt Schwerin eine Liste mit Missständen übermittelt, weil ich erfahren hatte, dass mittags eine Telefonkonferenz zur Corona-Lage zwischen Ministerium, Landesamt, Gesundheitsamt und Maltesern stattfinden sollte, so dass alle überprüfen könnten, was sich ändern müsste. Ich habe heute Morgen das Gesundheitsamt Schwerin angerufen und wollte mal hören, was das Ergebnis der gestrigen Lage-Telefonkonferenz war. Nachdem ich mein Ansinnen freundlich geäußert habe, kam nur ein harsches „Frau Seemann-Katz, da müssen Sie die Pressestelle fragen, Klick aufgelegt“. Kein Guten Morgen, kein Tschüss. Das nenne ich unsouverän.

Als wollten wir persönlich irgendwem übel. Nein, es geht um die Gesundheit aller. Der Bus aus Stern Buchholz fährt übrigens wieder.

Dabei sollte das Gesundheitsamt aus meiner Sicht alle Räumlichkeiten der Unterkunft kontrollieren, ob alle Vorschriften und Maßnahmen nach Infektionsschutzgesetz und nach den einschlägigen Verordnungen auch wirklich umgesetzt werden. Das gehört ebenso zur Überwachungsaufgabe wie das Tagebuch führen und Tabellen ausfüllen. Wenn es zu wenig Personal gibt, dann ist es für verantwortlich handelndes Personal in Einrichtung wie in Behörden, das auch kritisch gegenüber der jeweiligen Leitung anzumerken.

By the way: Wer füllt eigentlich die Tabellen aus?

Ein Mitarbeiter der Malteser hat uns heute mitgeteilt, dass das Personal von Haus 131 von ehemals 21 Mitarbeitenden nunmehr auf vier (!) völlig ausgelaugte Menschen geschrumpft ist, dass eine Reinigungskraft für mehrere Häuser zuständig ist.

Bitte schreibt uns, wenn Ihr bei Euch vor Ort ähnliche Beispiele habt. Zwar ist die Unterbringung in einer kommunalen GU ggf. etwas „aufgelockerter“; vielleicht gibt es dort mehr „Spielraum“. Aber es kann auch sein, dass das Virus demnächst bei Euch vor Ort in die Unterkunft kommt.

In Corona-Zeiten zeigt sich, was uns auch sonst schon immer klar war: Massenunterbringung ist sehr ungesund. Mindestens besonders Schutzbedürftige, über 60-jährige Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollten aus diesen Einrichtungen umverteilt werden.

Bitte unterstützt uns mit Leserbriefen, Likes auf Facebook und teilt diese Information.

Ulrike Seemann-Katz

Beitrag des NDR vom 01.04.2020

taz vom 02.04.2020

Nordkurier vom 31.03.2020