Zur Situation an der polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern | eine Gastkolumne im Blitz vom 31.10.2021

Nachdem es im vergangenen Jahr recht still um das Thema Migration und Flucht war, lesen wir jetzt wieder Berichte über steigende Flüchtlingszahlen. Da heißt es „Schon 100.000 Asylanträge in 2021“ oder über die Belarus-Polen-Route „Erneut illegale Grenzübertritte“. Im Rahmen der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan erschallte vor allem der Satz „2015 darf sich nicht wiederholen“ in unterschiedlichsten Variationen aus Politik, Behörden und Medien.

Hinter allen diesen Zitaten steht ein gemeinsames Ziel: die Flüchtlingsabwehr. Aber die Flüchtlingszahlen steigen in 2021 nur deswegen, weil die Welt-Corona-Lage im vergangenen Jahr viele Verkehrsverbindungen gekappt hatte. Nur langsam erreichen wir wieder das Niveau von 2019. Von den Zahlen aus 2015 sind wir weit entfernt.

Die Berichterstattung betont immer wieder, es handle sich um illegale Grenzübertritte. Die Menschen werden als „illegale Migranten“ bezeichnet. Diese Wortwahl ist toxisch, denn kein Mensch ist illegal. Die Menschen können einfach nicht legal über Grenzen kommen, weil ihnen weder Deutschland noch irgendein anderes Land der Welt ein humanitäres Visum ausstellen. Humanitäre Visa gibt es nicht. Die Menschen werden in die Illegalität gezwungen; sie werden illegalisiert.

Dabei ist die weltweite Situation seit Jahren unverändert. Internationale ungelöste Konflikte, Klimawandel, Misswirtschaft, Gewalt, Korruption und vieles andere sind die Ursache der Wanderungsbewegungen. Diese Ursachen sollten wir bekämpfen, nicht die Geflüchteten. Jede Minute verlieren rund 25 Menschen ihr Zuhause. Die Hälfte von ihnen sind Kinder. Jeder einzelne Mensch hat ein Gesicht, eine Geschichte und einen Grund für seine Flucht.

Derzeit erreichen fast täglich erschöpfte, dehydrierte und durchnässte Menschen das polnische Grenzgebiet. Ihre Ankunft wird begleitet durch Polizeistreifen und durch den Lärm tieffliegender Hubschrauber, die nach Schleppern suchen. Wo sind helfende Menschen mit Wasser, Essen, Kleidung?

Im Herbst 2015 kamen in kürzester Zeit zehntausende Menschen in Deutschland an. Die Hilfsbereitschaft, Herzlichkeit und Offenheit Deutschlands hat Menschen in aller Welt beeindruckt. Ganz ohne Abwehrgedanken haben wir uns auf die Menschen eingelassen. Unsere Behörden, die damit Probleme hatten, haben wir unterstützt. Wir hatten einen sehr freundlichen Herbst. Und der darf sich gerne wiederholen.